Petrosawodsk,
Mittwoch, 23.07.2008
Die diesjährige große Straßentour von mottouren durch Russlands Norden beginnt wie immer in Hamburg. Nach der Fährfahrt von Travemünde nach Helsinki führt die Fahrt durch Südfinnland nach St. Petersburg, dem „Venedig des Nordens“ mit seinen 300 Brücken und Kanälen und weiter zur alten Festung Schlüsselburg. Entlang des Ladogasees mit einer Zwischenübernachtung in Olonez geht es weiter an den Onegasee. nach Petrosawodsk.
Wir verlassen St. Petersburg südwärts über den Newski Prospekt, überqueren die Newa beim Hotel Moskwa und bleiben im Stau stecken. Hier, in Richtung Süden, hatte ich keinen erwartet und dieser scheint kein Ende zu nehmen. So verlassen wir unsere vorgesehene Route entlang der Newa und kürzen mit Ziel Schlüsselburg über die M18 ab. Unterhalb der Autobahnbrücke bei Kirow stoppen wir an einem Denkmal, das den Moment der Befreiung Leningrads durch die russischen Truppen im Zweiten Weltkrieg darstellt. Das Diaporama, das eindrucksvoll diese Situation zeigt, ist leider geschlossen. Heute ist Montag. Schlüsselburg macht im Einfahrtbereich inzwischen einen deutlich besseren Eindruck, als bei unseren letzten Reisen hierher. Was doch so ein wenig Farbe ausmachen kann. Aber am Denkmal von Peter dem Großen ist alles so wie immer. Blick auf die zerfallenen Schleusen, auf die Newa und auf die im Übergangsbereich vom Ladogasee in die Newa gelegene Haseninsel mit der alten Festung Oreschek. Wir fahren in unmittelbarer Nähe des Ladogasee-Umfahrungskanals nach Osten. Bei einem kurzen Stopp gehen wir an ihn ran aber weit und breit nichts los, ein verrammelter Bootsschuppen und viele Mücken. Zwischen dem Kanal und der Straße liegt der noch ältere erste Kanal, inzwischen total verlandet, zugewachsen und nur durch seine Form zu erkennen. Die bis dahin geteerte und relativ gut zu fahrende Straße geht in eine Piste mit tiefen Löchern über, die zudem noch mit dem Regenwasser des letzten Tages gefüllt sind. Nicht für alle befahrbar. Deswegen drehen wir um und fahren wieder an die M18 heran, und weiter auf ihr nach Olonez. Unterweg stoppen wir noch an einer Klosteranlage, die inzwischen mit großem Einsatz renoviert wird.
Olonez erweist sich als ein kleiner Ort, das er die Größe von Elmshorn haben soll, wird nicht auf Anhieb deutlich. Unser Hotel entdecke ich erst auf den zweiten Blick. Es ist einfach, aber ordentlich. Auch hier fragt man uns nach der Passeinlage des Einwanderungsbehörde, aber wir haben an der Grenze keine bekommen. Mal sehen, wie wir das regeln können. Ein Wachmann wird eigens für uns abgestellt. So stehen die Motorräder vor dem Hotel ganz sicher, genau so, wie die Royal Enfield mit Dieselmotor eines Finnen, der hier für einige Tage abgestiegen ist.
Wundervoll die Abfahrt am nächsten Morgen, bestes Motorradwetter. Stopp an einer Hängebrücke mit interessanten Auflagern. Die Strecke nach Petrosawodsk ist nicht sehr weit, nur knapp 150 km auf direktem Weg, deswegen fahren wir noch eine Schleife. An einem Magazin, einem kleinen Landkaufhaus, kaufen wir ein und machen direkt daneben eine Mittagspause.Leider überrascht uns die Strecke schon nach kurzer Zeit durch sehr wechselnde Straßenbelege, die Teerstraße mit tiefen Löchern und nicht reparierten Frostaufbrüchen wird immer wieder abgelöst von kurzen Schotterpassagen. Zu allem Überfluss fängt es zu nieseln an, der Niesel geht in einen Landregen über, der sich wiederholt zu kurzen Wolkenbrüchen steigert. Die hier – besonders auch im Einfahrtbereich nach Petrosawodsk die trüben Aussichten noch trüber erscheinen lassen.Endlich erreichen wir das Hotel, beziehen wunderschöne Zimmer und können auch unsere nass gewordenen Sachen trocknen lassen.Auch hier die Frage nach dem Papier der Immigrationsbehörde, das wir nicht haben. So schreibt die junge Frau an der Rezeption für jeden von uns einen Antrag auf ein verlustig gegangenes Papier und als wir einen Tag später abreisen, ist die Welt wieder in Ordnung.Nach dem Frühstück treffen wir auf Konstantin Smirnow von Nordic Travel, unserem Partner vor Ort, der mir noch alle notwendigen Unterlagen für die nächsten Tage und die nächsten Ausflüge überreicht. Ein Tagesausflug führt uns mit einem Tragflügelboot in einer guten Stunde auf die alte Klosterinsel Kishi. Diese Insel ist heute Weltkulturerbe und birgt einmalige Dokumente der Holzbaukunst. Der hölzerne Komplex des Kirchhofes von Kishi geht auf das 13.-14. Jahrhundert zurück. Imponierend ist die Schönheit der Christi-Verklärungs-Kirche mit ihren 22 Kuppeln, das wohl eindrucksvollste Bauwerk der Alten Rus. Sie ist aber leider wegen dringender Renovierungsarbeiten geschlossen. Aber nicht minder malerisch zeigt sich die Pokrowsker Fürsprachekirche. Ihre einmalige Neunzwiebelkonstruktion ist nirgendwo mehr in der russischen Holzbaukunst zu finden. Zusammen formieren sie ein unvergleichlich schönes Ensemble. Die wahren Höhepunkte, die Kishi zu bieten hat, sind aber die einzelnen Ikonen und die beiden großen Ikonenwände in der Verklärungs- und Fürsprachekirche, die in unbestechlicher Farbenpracht die Geschichten der Bibel erzählen. Nach den langen Jahren Sowjetherrschaft werden heute wieder in den Kirchen von Kishi Gottesdienste abgehalten, wir lauschen dem eindruckvollen Gesang von vier Mönchen. Aber wie lange werden diese Bauwerke noch Bestand haben, denn Holzbauwerke sind üblicherweise anfälliger als Steinbauten und bedürfen ständiger Renovierungsarbeiten. Das Tragflügelboot bringt uns wieder in kurzer Zeit zurück nach Petrosawodsk. Wir machen noch einen Spaziergang durch die Stadt und kehren dann zum Hotel zurück. Das Abendessen ist wieder recht gut, nur für Klaus nicht ausreichend. Immer wieder fragt er, wann endlich glawny bluda kommt, das Hauptgericht. Mal sehen, was sich da machen lässt.