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Alaska Tagebuch 09 vom 2006-07-21

Als Polarbaer in Prudhoe Bay 

Moin, ich bin also wieder in Fairbanks, das Nordmeer habe ich erreicht und bin gut zurückgekommen. Die Leute sind sehr nett, manchmal ein bisschen oberflächlich. Unabhängig davon ist es schön, hier unterwegs zu sein. Adler, Bären Bisons, Karibus, Moose, Fuchse, alles gesehen. Bin gerade vom Dalton Hwy zurück und ein bisschen kaputt, es war aber grossartig.

Da gibt es solche Spinner, die müssen unbedingt, wenn sie dort im Norden angekommen sind, ins Wasser springen. Die werden dann Polarbären genannt und ich bin nun einer von ihnen. Ehrlich. Es war ziemlich kalt. In Verbindung, mit der Tour, die man vor Ort buchen muss, weil man sonst nicht durch das Gelände der Ölfelder ans Meer kommt, ist das möglich. Das hab ich also gemacht.

Von Fairbanks sind das etwa 400 km bis Coldfoot zur einzigen Tankstelle auf halbem Wege, davon der weitaus größte Teil Piste. Das an sich wäre nicht so schlimm, aber mit einsetzendem Regen machte das teilweise nicht wirklich Spass. Parrellel zur Pste ist die Pipeline zu sehen, mal weiter weg, mal in unmittelbarer Naehe, gelegentlich fuert die Strasse sogar ueber sie hinweg. Stichstrassen fuehren an sie heran. Auf den dunkelroten erdbebensichern Stuetzfeilern sid deutlich die Kuehlrippen zur Ableitung der Waerme zu erkennen. In grossen Abstaenden, meist etwas versteckt gelegen, sind die Pumpstationen zu erkennen.

Bis kurz nach der riesigen Holzbrücke über den Yukon ist es noch trocken. An den Rastplatz hinter der Brücke mache ich einen Fotostopp und komme mit einigen Deutschen ins Gespraech, die mit ihren umgebauten Wohnmobilen, u.a. ein riesiger Magirus und ein Landrover auch schon lange unterwegs sind. Klaus mit der KTM hatten sie schon gesehen, er sei am Tage zuvor nach Norden vorbeigefahren. 

Der Himmel wird dunkler, es riecht nach Regen. Bisschen spaeter faengt es auch zu regnen an, aber nur  wenig. Das ist nicht schoen, aber laesst sich auch nicht aendern. Etwas spaeter hoert es auf und bei Sonnenschein erreiche ich Coldfoot – nomen ist omen. Das ist auch auf dem Weg von Fairbanks hoch nach Prudhoe Bay die einzige offizielle Uebernachtungsmoeglichkeit: Tankstelle, kleines Restaurant, teurer Laden und Rezeption fuer ein Containerhotel. 

An der Rezeption helfe ich einem aelteren Deutschen weiter, der alleine den Yukon runterpaddelt und arge Schwierigkeiten mit Wetter und Stroemung hat, darueber hinaus auch fast kein Englisch spricht. Von seinen Strapazen will er sich eine Nacht in einem „ordentlichen“ Bett erholen. Auch eine Reisegesellschaft, die mit einem Bus unterwegs ist, uebernachtet her. Fuer die ist aber hier Schluss – mit grossen Bussen geht es gluecklicherweise noch nicht bis ans Ende der Strasse. Ich tanke voll und baue mein Zelt hinter einem Busch auf. Fuers Zelten muss man hier noch nichts bezahlen. Ich koche mir mein Abendessen und rolle mich dann in den Schlafsack.

Es ist eine ruhige aber kurze Nacht. Denn schon nach wenigen Stunden blinzeln mir die Sonnenstrahlen durch das Moskitonetz ins Gesicht. Waehrend das Kaffeewasser heiss wird, packe ich meine Zeltausruestung zusammen. Nachdem alles verpackt ist, mache ich noch eine Runde durch das Gelaende. Ueberall stehen schweres Geraet und alte Fahrzeuge vom Bau der Strasse und der Pipeline herum. Jeder Schrittvorwaerts bringt neue indruecke und Ueberrschungen – Fotomotive ohne Ende. Ich muss mich losreissen, um mich auf den Weg nach Norden zu machen. Ich komme auf dem Rueckweg hier zwangslaeufig wieder vorbei. Bei der anfahrt auf die Brooks Range ist es noch trocken, aber die Wolken ueber den Gipfeln verheissen nichts Gutes. Tatsaechlich, schon vor dem Pass beginnt es zu nieseln, dann regnet es. 

Jenseits des Passes steigert sich der Regen auf den nächsten 200 km nach Prudhoe Bay intervallartig und allmaehlich sehe ich wie ein Erdferkel aus. Das steigert sich noch, wenn die grossen Lastwagen, von Norden kommend, an mir vorbeiziehen. Dann halte ich mich moeglichst weit rechts und lege die linke Hand vor das Visier um die Schlammpackung so gering wie moeglich werden zu lassen.

Leicht wellig ist das Gelaende inzwischen, der Baumbestand ist nahezu verschwunden.

Aus dem Nieselregen kommen mir zwei Motorradfahre entgegen. Es sind Klaus und ein Amerikaner, nunmehr auf dem Weg nach Sueden. Gelegenheit fuer ein kurzes Schwaetzchen in einer Regenpause. Wir bauen die hintere Bremszange von Klaus` KTM ab und binden sie hoch – die Belaege sind bis aufs Eisen runter und er hat noch ueber 600 Km bis Fairbanks vor sich, in der Hoffnung, dass die georderten Belaege dann eingetroffen sind. Falls nicht, koennten wir aus einem Satz Ersatzbelaege, die ich fuer die BMW dabei habe, etwas fuer sein KTM basteln.  Wir verabreden uns im Denali Nationalpark, verabschieden uns und fahren in unterschiedlicher Richtung auseinander.

Kurz nach 15 Uhr erreiche ich Prudhoe Bay. Schade, eine Tour habe ich gerade verpasst. Die naechste geht um 17 Uhr. Also, Ticket fuer die naechste Tour gekauft und dann erst einmal das Motorrad warten und wieder voll tanken. Unvorstellbar, wie die BMW aussieht. Mit Wasser versuche ich die vollgesetzten Kuehlrippen der Zylinder von dem grauen, festen Schlamm zu reinigen. Aber das geht nur maessig. Im Kantinencontainer warte ich bei einem der Kaffee noch eine Weile, bis die Tour durch das BP Feld startet und nutze die Zeit auch, um ueber das Internetcafe mein Reisetagebuch zu vervollstaendigen – nicht so richtig erfolgreich, wie zu lesen ist.

Dann startet die Tour in einem Kleinbus. Es ist eine recht eindrucksvolle Fahrt durch das Bohr- und Pumpfeldgelaende bis hin zum Meer. Ich nehme die Gelegenheit wahr und springe nur mit der Badehose bekleidet ins eiskalte Wasser. Neben mir geht auch eine fuenfkoepfige amerikanische Familie in Wasser – allerdings voll bekleidet!!! Nachdem ich mich abgetrocknet und umgezogen habe, goenne ich mir an diesem Ort eine Zigarre.

Nach der Rueckkehr ins Camp frage ich nach den Uebernachtungskosten. 126 $ US soll die Übernachtung hier im Containerhotel kosten, das ist mir schlicht zuviel. Ich entscheide mich fuer den Rückweg, zumal es noch lange nicht dunkel ist. Also, noch zwei weitere Kaffee und ich fahre los.

Es ist, als ob ich auf einem riesigen Seeboden fahren würde.  Eine ganze Zeit nieselt es weiter und anfangs ist die Sicht auch durch die tiefhängenden Wolken eingeschränkt. Die wenigen Lastwagen, die mir entgegenkommen, wirken aus der Ferne vor dem etwas unwirklichen Himmel wie riesige Insekten. Unangenehm ist es immer dann, wenn diese gossen Lastzuege auf meiner Hoehe waren, weil sie eine endlos erscheinende Gischtwolke hinter sich herzogen. Nach einer weile wird es ein wenig daemmerig.

Aus der topfebenen Landschaft steigt die Strasse nahezu unmerklich an. Die Tundra geht in eine Krueppelwaldlandschaft ueber, in der Ferne zieht ein Rudel Woelfe dahin. In grossem Abstand sind die Lichter eine Pumpstation der Alaska Pipeline zu sehen. Langsam wird der Anstieg der Strasse  deutlicher, die ersten Kurven tauchen auf. Dann wird es doch wieder dunkler. Als ich dann, nun schon deutlich nach Mitternacht, über den höchsten Pass der Brooks Range fahre, ist das Licht gerade so, dass ich die Kamera zum Fotografieren auflegen muss. Wären da nicht die regentraechtigen Wolken gewesen, waere das auch sicher so gegangen. Diese naechtliche Fahrt durch die einsame Brooks Range ist ein geradezu grandioses Erlebnis, vom Gesamteindruck fast unbeschreiblich. Gelegentlich ist ein Karibu zu sehen. Die Passabfahrt erscheint endlos lang und ich lasse die GS voll laufen. Das Herz geht mir fast über vor der Fuelle der Eindruecke. Immer wieder muss ich mich aber zur Konzentration ermahnen. Spurrinnen und Querrillen erfordern alle Aufmerksamkeit.  

Hellwach bin ich dann mit einem Mal, als ein Elch kurz vor mir die Fahrbahn quert. Jeder Stopp – ob Foto- oder Pinkelpause – ist wegen der unendlich vielen Mücken eine kleine Qual. Sechs Stunden nach meiner Abfahrt von Prudhoe Bay bin ich wieder in Coldfoot.

In Coldfoot angekommen, tanke ich und lege mich unter einen Unterstand, zu faul, das Zelt aufzubauen. Dann koche ich mir einen Kaffee, frühstücke und fahre weiter nach Sueden. Inzwischen beginnt die Sonne immer staerker zu scheinen. Das Fire Weed, diese lila Blumen sehen grossartig aus und bedecken als Pionierpflanzen ganze Landstriche, insbesondere nach Waldbraenden. 

 Als ich zu einem Fotostopp anhalte und wegen eines undefinierbaren Geraeusches hochblicke, waehrend ich die Kamera herausfummele, blicke ich in die Augen eines Elch, keine zehn Meter von mir entfernt. Wir sind beide ueberrascht und ehe ich die Kamera schussbereit habe, ist der Elch auch schon verschwunden und ich sehe nur noch sein Hinterteil im Gestraeuch verschwinden. Da es trocken ist, fahre ich wieder mit der umgehaengten Kamera weiter – aber kein Elch kommt mir auf diesem Streckenabschnitt mehr so nahe.

Dann wieder eine große Straßenbaustelle, durch die es nur mit Pilotfahrzeug und im Konvoi hindurch geht. Ob die glauben, dass man sich auf dieser einen Strasse verfahren kann? Die Sonne wird immer kraeftiger, allmaehlich schlaegt die Muedigkeit durch. Eine kleine Pause mit einem kurzen Nickerchwen erfrischt ungemein.

Dann hat mich der Asphalt wieder und 100 Km spaeter rolle ich in Fairbanks ein. Ein kleiner Imbiss und ein groesserer Einkauf bringt mich wieder in Schwung. Und nun sitze ich in der Buecherei am PC und schreibe diese Zeilen.

Gleich werde ich noch mein zurueckgelassenes Gepaeck abholen und dann fahre ich von Fairbanks weiter zum Denali, um meine Mitreisenden zu treffen.
Lieben Gruss

Juri 

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