Puumala / Finnland,
Sonntag, 10.08.2008
Wieder ohne Vorhänge schlafen oder der Himmel weint, weil wir Finnland verlassen und
allein unterwegs oder zum Weihnachtsmann und zurück.
War es in den letzten Tagen abends zusehend dunkel geworden, ist es heute soweit, wir müssen zum Schlafen die Vorhänge nachts nicht mehr zuziehen, um das Licht auszusperren. Als wir wach werden klatscht der Regen kräftig gegen die Fensterscheiben, auch nach dem Frühstück wird es nicht deutlich weniger. Also verzichten wir auf unserer Fahrt nach Lahti auf die uns inzwischen lieb gewonnenen kleinen Straßen und Fahren über die als Autobahn ausgebaute 5 zu unserem Besuch bei Rukka.Treffenderweise hält uns Hannu Malinen, der Brand Manager der L-Fashion Group Oy / Rukka anschließend einen Vortrag über regendichte Textilbekleidung und stellt uns auch die neue Rukka Kollektion vor, die offiziell erst im Oktober auf der Intermot in Köln präsentiert wird. Gestärkt mit einem zweiten Frühstück und einem Kaffee entlässt er uns wieder hinaus in den Regen, der bis kurz vor Helsinki anhält.Karsten Abel hat gut vorgearbeitet. Alle Umbuchungen, auch die Sonderwünsche, die Kabinen betreffend, sind vorbereitet worden. Ich kann mit unserem Leihwagen bis hinter die Absperrung fahren, das Gepäck wird auf die Motorräder geschnallt und einen Teil bringe ich sogar noch direkt an Bord. Dann verabschiede ich alle und mache mich wieder dieses mal allein auf den Weg zum Polarkreis nach Pello, um den inzwischen reparierten Kia abzuholen und den Leihwagen zurückzubringen.Also nordwärts. Hinter Lahti schwenke ich ab, um mir in Petäjävesi die Kirchen anzusehen. Inzwischen regnet es wieder und es wird dunkel. So fahre ich doch über Jyväskylä auf der 4 nach Norden. An einem Rastplatz an einem der zahllosen Seen mache ich Schluss.Das erste Morgenlicht weckt mich und ich fahre weiter. Eine gute Stunde später erreiche ich bei Leskelä das geografische Zentrum Finnlands ein Gedenkstein weist darauf hin. Oulu umfahre ich und verlasse die 4 bei Simo, um dem Simojögi nach Nordosten zu folgen. Nach knapp 30 km schwenke ich wieder nach Nordwesten ab und fahre dann über den Kivalobergzug weiter in Richtung Pello. Es wird deutlich einsamer. Wald und Sumpfgebiete wechseln einander ab, vereinzelt Rentiere. Eines huscht so knapp vor mir noch über die Straße, dass ich es nur um wenige Zentimeter verfehle. Glück für uns beide. Außer Krähenvögel und Bachstelzen ist wenig Getier zu sehen.
In Pello ist alles vorbereitet. Ich tanke verabredungsgemäß den Polo auf, bezahle die Rechnung für den Kia und packe die Autos um. Ein letzter Kaffee und dann mache ich mich auf den Weg nach Rovaniemi. Mich lockt zwar die große Landwirtschaftsausstellung in Pello, aber ich habe mir vorgenommen, entlang der finnisch-russischen Grenze nach Süden zu fahren und um den Bereich zu erreichen, muss ich erst 100 km nach Rovaniemi fahren und dann weitere 200 bis nach Kuusamo.
Rovaniemi ist einen Stopp Wert. In dem Hotel, in dem wir unsere Übernachtung hatten, kann ich mal wieder ins Internet, Mails abrufen und schreiben und den Blog ergänzen. Es gibt vielerlei Aktivitäten in Rovaniemi. Das Arcticum gehört dazu, ein Museum / Ausstellungsgebiet über das Leben unter arktischen Verhältnissen. Dann natürlich der Weihnachtsmanpark und das Polarkreiszentrum. Einen Abstecher mache ich noch zum Friedhof, auf dem 2500 gefallenen deutsche Soldaten des Zweiten Weltkrieges bestattet sind. Er liegt wunderschön an einem See. Gelegentlich kommt ein kurzer Schauer nieder. Dann erreiche ich bei Kuusamo die Via Karelia, die von hieraus parallel zur Grenze bis hinunter an die Ostsee führt. Sie wird mein rotes Band für die nächsten Tage. Wie alle großen Straßen gibt es auch hier eine neue, gut ausgebaute und dazwischen immer wieder die alte Straße mit längeren ungeteerten Passagen. Im Wesentlichen ist sie aber geradezu hervorragend zu fahren.
Über Nacht bleibe ich wieder an einem See. Die Ruhe ist himmlisch, nahezu keine Mücken und die wenigen, die mich morgens beim Waschen belästigen, denen gönne ich mein Blut. Hinter Haapala zweigt die Raate-Straße ab, eines der wichtigen Schlachtgebiete im finnisch-russischen Winterkrieg. Ein Steinfeld mit einem zentralen Windspiel soll an die vielen Toten auf beiden Seiten erinnern. Entlang der Straße immer wieder Überreste aus der Zeit zerstörte Waffen, Granitblöcke als Panzersperren, verkohlte Baumreste. Rentiere ziehen zwischendurch.Hinter Kuhmo geht es wieder auf eine Erdpiste. Am Waldrand gestapelter Schrott, Waschmaschinen, Blechdächer, ein alter VW-Bus, ein noch älterer Renault.
Dann Nurmes mit einem im Stil eines karelischen Dorfes errichteten Ferienzentrum. Das Freilichtmuseum in Lieksa feiert mit vielen Reden, Tanz- und Gesangsdarbietungen und dem gelungenen Spiel auf einer singenden Säge sein 60jähriges Bestehen. Kein Eintritt, auch nicht schlecht. Ansonsten wären 5 für die vielfältigen Eindrücke gut investiert. Ein Stück geht es dann mit flotter Fahrt auf der Hauptstraße nach Süden, bis ich wieder auf kleinere Straßen abbiege, um Ilomantsi zu erreichen. Die kleinere Stadt lohnt einen längeren Aufenthalt. Hier, in Finnlands östlichster Gemeinde, steht eine finnisch-orthodoxe Kirche, interessanter ist aber die lutherische Kirche, in der 116 etwas naive Engelsbilder eine nette Atmosphäre bringen. Zwei Kanzeln irritieren zuerst, aber die eine war für die Predigt und von der zweiten verkündete der Küster die weltlichen Neuheiten und wachte darüber, dass niemand während der Predigt einschlief. Was müssen das für Predigten gewesen sein! Um die Ecke herum Hermani, das angeblich beste Weingut Finnlands mit Wein aus Beeren, die auch auf der Spitze das alten Wasserturms verköstigt werden können. Das nahe gelegene Haus des Runensängers präsentiert das Nationalepos Kalevala, der Ort selbst gleicht einem kleinen Freilichtmuseum.
In Sichtweite führt nun die Via Karelia nun an der russischen Grenze entlang. Ein heftiges Sommergewitter mit kräftigem Wolkenbruch bringt für kurze Zeit Land unter. Auf kleinen Straßen fahre ich noch einmal quer nach Puumela. Dort habe ich mich auf einen Kaffee mit Martin Jacobsen, Kollegen aus Schulzeiten, verabredet. Inzwischen ist es nach 21 Uhr, als er mir Freundin und ihrem Sohn eintrifft und um die Zeit gönnen wir uns statt eines Kaffees lieber ein Bier. Es gibt viel zu erzählen und ich bleibe vor Ort.