Von Hamburg nach Osaka mit dem Motorrad:
Sibirien auf die harte Tour
Das haben wir nun von der Vielstaaterei in der ehemaligen Sowjetunion: Mit einem Visum für die baltischen Staaten, das wir uns in Bonn besorgt hatten, stehen wir an der Grenze zu Litauen. Die Formalitäten nehmen kein Ende. Jeder der drei baltischen Staaten hat eine eigene Grenzkontrolle, gründlich und mit vielen Stempeln. Den ersten Schreck bekommen wir auf einer Tankstelle am Ortsausgang von Vilnius: Fast alle Zapfsäulen tragen die Bezeichnung A 76 – für Benzin mit 76 Oktan. Schrecklich! Bei uns sind Benzinqualitäten zwischen 92 und 96 Oktan üblich. BMW schreibt in seinem Handbuch als Minimum 91 Oktan vor. Doch wir haben Glück: Wir entdecken noch eine Säule mit 93 Oktan – und die hat sogar Benzin. In Lettland haben wir die erste ungewollte Begegnung mit der Polizei: „Ihr seid zu schnell gefahren“, vernehme ich in ausgezeichnetem Deutsch, „das kostet 3ooo Rubel“. Ein paar freundliche Worte, ein Aufkleber von unserer Tour und schon sind wir mit einer Miniverwarnung von 300 Rubel dabei, zu dem Zeitpunkt unseres Besuches 3,8o DM – für alle drei.
In Moskau gibt es die erste böse Überraschung: über Nacht werden von zweien der drei Enduros die Vergaser gestohlen und die Verbindungskabel und Bowdenzüge durchtrennt. Eine Katastrophe – aber Dank der Hilfe von BMW in München können wir die Reise schon drei Tage später in Richtung Osten fortsetzen. Bei Nishni Nowgorod, das bis vor kurzem noch Gorki hieß, überqueren wir die Wolga, hier im Mittellauf schon ein gewaltiger Strom. Bergauf, bergab führt uns die M7 immer weiter nach Osten. Kleine Dörfer bieten immer wieder Gelegenheit, sich direkt an der Straße mit Proviant zu versorgen. Aus Schaden klug geworden, parken wir nach unserem Moskauer Erlebnis die Motorräder auf unseren nächsten Stationen im Hotel, direkt neben der Rezeption oder lassen sie in Polizeigewahrsam. Zweimal können wir sie sogar, besonders gesichert, im Gefängnis unterstellen.
Langsam kündigt sich der Ural an, der eine sanfte Trennungslinie zwischen Europa und Asien bildet. Gleichzeitig wird es aber kälter und feuchter. Der Wetterbericht verkündet anhaltenden Regen für die nächste Woche. Es ist schon eine unangenehme Vorstellung, tagelang durch den Regen fahren zu müssen. Dann erwischen wir einen schwarzen Tag. Mitfahrer Markus hat zunehmend Probleme mit seinem Darm und dadurch Konditionsschwierigkeiten auf den schlechten Straßen. Dazu verlieren wir bei strömenden Regen unbemerkt einen Motorradkoffer. Auf der langen Suche danach ist plötzlich Öl auf der Fahrbahn – 5o m rutsche ich meiner BMW hinterher. Auch den zweiten Teamkameraden Sergej erwischt es an gleicher Stelle. Glück im Unglück: Nur leichte Schäden an den Motorrädern. Die sind mit Bordmitteln schnell repariert. An einer Tankstelle bekommen wir zu einem Schluck selbstgebrauten Biers auch Trost wegen unserer blauen Flecke zugesprochen: „Nitschewo, macht Euch nichts draus, Ihr lebt doch“, sagt der Tankwart, „lasst uns erstmal eine Machorka rauchen, natürlich eigene Ernte.“ Und schon flammt das Streichholz auf. Dass wir in diesem Moment auf der Tankstelle sind, fällt mir zum Glück erst später ein. Weiter geht’s durch Regen und Schlamm. Rechtzeitig vor Abendanbruch wollen wir in Kurgan ins Hotel, Nur raus aus den nassen Klamotten. Doch ein tiefes Loch in der Straße, verdeckt unter einer riesigen Pfütze, stoppt unsere Weiterfahrt abrupt. Durchschlag im Reifen vorne, sieben gebrochene Speichen hinten bei Sergej, eine Delle in der vorderen Felge bei mir. Ist das das Aus? Zwei junge Leute, die vorbeikommen, helfen uns, noch ein Hotelzimmer zu bekommen und bringen uns nach Mitternacht noch Verpflegung von zu Hause. Die Hotelküche hatte natürlich schon längst geschlossen und auch im Bistro auf dem nahe gelegenen Flughafen saßen nur noch die Übriggebliebenen. Am nächsten Morgen können wir die Motorräder mit Hilfe der Flughafenfeuerwehr reparieren und vor der Abfahrt gibt es noch einen Probelauf auf dem Rollfeld. Hilfsbereitschaft überall.
3300 Kilometer östlich von Moskau erreichen wir über schlechte Straßen und tagelangen Regenfahrten Nowosibirsk, die Heimatstadt von Sergej. Hier bricht Markus, wie zuvor schon Andreas, seine Reise aus gesundheitlichen Gründen ab und kehrt nach Hause zurück. Die Straßenverhältnisse und Regenfälle machen die Reise zunehmend abenteuerlicher. Ebenso die Benzinversorgung: Oft sind die Tankstellen wegen Benzinmangels geschlossen, oder es gibt nur Benzin gegen Coupons oder nur mit 76 oder gar 72 Oktan – eine Qual für die Motoren. Durch den Dauerregen können wir einen geplanten Weg durch die Berge nicht fahren. So müssen wir einen Umweg von fast 2000 Kilometern machen, um nach Kysyl in der tuwinischen Republik zu gelangen. Schließlich sind wir am Oberlauf des Jenissej angekommen und bleiben einige Tage zu Gast bei unseren Freunden Victor und Sascha. In diesem Gebiet leben noch Altgläubige, deren Vorfahren einst unter Peter dem Großen nach Sibirien ausgewandert waren. Die Grenze zur Mongolei ist nicht fern und viele Menschen leben hier als Nomaden in ihren Jurten.
In Krasnojarsk lassen wir uns von Deutschlehrerin Ludmilla herumführen. Sie macht uns mit den Brüdern Iwanow bekannt, aktiven Eisspeadwayfahrern. Juri, der älteste, ist amtierender Weltmeister. Über ihn haben wir Gelegenheit, unsere Motorölvorräte aufzufüllen und können so den Zeitpunkt, unsere Motoren mit russischem Öl zu konfrontieren, weiter hinausschieben. Weiterfahrt. Und wieder setzt Regen ein. Durch die feinen Risse in der Regenkombi, Erinnerungen an unseren Sturz, dringt Wasser ein. Bald sind wir naß bis auf die Haut. Endlose Straßen. Meist sind sie noch geteert, immer längere Passagen aber sind Erdstraßen, auf denen das Fahren nach Regenfällen zur Schlammschlacht ausartet. Einige Abschnitte sind handgepflastert. Jeder dieser Steine kann eine leidvolle Geschichte erzählen. Sie sind alle von Verbannten gesetzt worden, für dieser Weg durch Sibirien oft eine Straße ohne Wiederkehr war. Kurz hinter Irkutsk erreichen wir den Baikalsee, das „blaue Auge Sibiriens“. Lange Zeit verläuft die Straße parallel zur Strecke der Transsibirischen Eisenbahn. In Tschita versorgen wir uns mit Proviant für die anstehende Strecke und auch mit Benzin aus dem Tank eines Armeelasters. Ein gutes Geschäft: Beide Motorräder vollgetrankt plus ein 2oo l Faß für einen Freund, der das Unternehmen organisierte. Unsere Bezahlung: eine Flasche Wodka.
Ein paar hundert Kilometer weiter ist die Straße zu Ende – alles überschwemmt. Wir werden zum Bahnhof umgeleitet und treffen dort auch Autos, Lastwagen und Busse, die die unpassierbare Strecke mit der Bahn umfahren müssen. Zweieinhalb Tage geht`s im Zuckeltrab auf einem offenen Güterwagen weiter nach Osten. Erst dann können wir auf einer geteerten Straße weiterfahren. Aber unsere Straße, die Hauptstraße Moskau – Wladiwostok entpuppt sich nach kurzer Zeit als eine üble Piste mit knietiefen Wasserlöchern in den Fahrspuren. Als Spitzenleistung schaffen wir einen Kilometer pro Stunde. Den ganzen Tag schaffen wir nur 80 Kilometer. Häufig gehen wir vor dem Fahren den Weg zu Fuß ab. Das Knie wird zum Maß aller Dinge. Bleibt das Wasser unterm Knie, gibt es keine Probleme bei der Durchfahrt. Darüber hinaus wird’s kritisch. Auch Äste und querliegende Baumstämme behindern uns. Jetzt können wir die mitgebrachte Kettensäge gut gebrauchen. Endlich, nach fünf Stunden, treffen wir die ersten Menschen: Bahnarbeiter. Bei ihnen können wir uns erfrischen und nach dem Weg fragen. Wir sind richtig. Also nur weiter so. Und dann ist die Straße wieder mal zu Ende, diesmal aber richtig. An einem Fluß geht nichts mehr. Ich wate hindurch und sehe mir die andere Seite an. Eine Fahrspur verliert sich im hohen Gras und endet im Sumpf. Also müssen wir zurück – die ganze Strecke. Da kommt Freude auf! Wir haben über acht Stunden Rückweg vor uns. Nach mehr als zwei Stunden sind wir wieder bei den Bahnarbeitern und überlegen, ob wir über die Gleise weiterfahren sollen. So hatte es schon 1926 Robert Saxè gemacht. Unser Problem ist aber größer: die Züge fahren heute zum Teil im Abstand von zehn Minuten. Und so schnell können wir nie von den Gleisen hinunter, wie der Zug herangedonnert ist. Die Bahnarbeiter helfen uns weiter und lassen uns am Abend mit der Bahn ins Depot mitfahren. Bei der dortigen Feuerwehr finden wir Unterkunft und können auch ein defektes Federbein auswechseln.
Einige Tage später setzen wir mit der Fähre über den Amur nach Chabarowsk über. Nach so langer Zeit in der Taiga dauert es eine Weile, bis wir uns an die Großstadt und die vielen Menschen gewöhnt haben. Nach einer kurzen Erholungspause fahren wir die 800 Kilometer weiter nach Wladiwostok, das bis vor zwei Jahren noch eine für Ausländer gesperrte Stadt war. Hier wollen wir über die chinesische Grenze, um nach Harbin weiterzufahren. Doch eine böse Überraschung wartet auf uns: aus militärischen Gründen dürfen wir die einzige Straße nicht benutzen. Was soll jetzt werden? Das Abenteuer fängt offenbar erst an…