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Karelien 2008

Abenteuer Karelien oder Im Osten (et)was Neues! – 4

Auf der „Richard With“, südlich von Hammerfest,

Donnerstag, 31.07.2008

Kandalakscha am Südrand der Halbinsel Kola und Murmansk, der wichtige russischen Hafen im Norden sind unsere nächsten Etappenziele. Vorbei an der Erzstadt Nickel erreicht wir dann das norwegische Kirkenes und haben Russland damit wieder verlassen. Mit einem Postschiff der Hurtiglinie geht es entlang des Nordkaps nach Tromsö. 

Unser nächstes Etappenziel, Kandalakscha, ist auf einer relativ geraden, eher unspektakulären Straße zu erreichen. Aufmerksamkeit erfordert allerdings der zum Teil sehr schlechte Straßenbelag. Deshalb machen wir noch einen Abstecher nach Kem ans Weiße Meer, dem eigentlichen Verschiffungsort für die Strafgefangenen nach Solowetzki. In der ehemaligen Zentrale des NKWD befindet sich heute ein Möbelgeschäft und ein Restaurant.Wieder zurück auf der M18 schlängeln wir uns um die Schlaglöcher herum weiter nach Kandalakscha. Tanken, eine Kaffeepause, langsam verändert sich die Landschaft. Die Bäume werden niedriger, die Landschaft offener, immer wieder größere Sumpfflächen.

Auch das Hotel in Kandalakscha ist nicht auf Anhieb zu finden. Aber dann ist alles gut. Wir werden auch schon freudig erwartet. Das Spolohi ist ein Hotel, typisch aus der Sowjetzeit.  Die Dame an der Rezeption ist ausgesprochen freundlich, hatte sich schon Gedanken gemacht, ob uns etwas passiert sei. Jeder bekommt eine große Flasche Wasser für`s Zimmer und eine  liebevoll zusammengestellte Tasche mit Badezimmerartikeln. Der Fahrstuhl funktioniert, das Klacken, wenn die Knöpfe für die Etagenwahl wieder in ihre Ausgangsstellungen zurückspringen, lässt einen daran zweifeln, dass die Russen wirklich im All unterwegs sind. Aber keiner bleibt stecken. Das Arrangement der Flure und der darin abgestellten Möbel ruft Heiterkeit hervor. Der Weg ins Restaurant, das sich im Keller befindet, führt durch einen dunkel angemalten Discobereich. Das Essen ist überraschend lecker, das Bier auch. Da die in Helsinki neu eingesetzte Batterie von Gudruns Motorrad zu zucken begonnen hat, lade ich die Batterie über Nacht. Doch am nächsten Morgen die Überraschung, es hat nichts geholfen. Wir probieren verschiedene Varianten des Schraubens, dann versuchen wir es noch mal mit der alten Batterie – und es funktioniert.  Allerdings nur einmal, dann ist sie zu schwach, den Anlasser durchzudrehen, hält die Ladung nicht. Also werden wir von nun an das Gefälle nutzen oder die Batterie fremd starten.

Von Kandalakscha fahren wir weiter nordwärts über die Kola-Halbinsel. Wir fahren durch eine endlos erscheinend Tundralandschaft mit zahlreichen kleinen und großen Seen. Einige ihre Abflüsse überqueren wir auf Brücken. Schon vor dem Abzweig nach Apatity sind deutlich die Chibinen zu erkennen, ein kreisrundes Gebirge von der Höhe des Harzes, das ein beliebtes Wintersportgebiet der Region ist. In der Bergbaustadt Kirowsk und bei Apatity wird Apatit für die Düngemittelproduktion abgebaut.

Die Region Murmansk ist der größte Phosphatdünger-Hersteller der Welt. Das und der Schwermetallabbau hat dazu geführt, dass auf Kola nahezu alle ökologischen Zwischenstufen von intakter arktischer Tundra bis hin zu verseuchter postindustrieller Abraumlandschaft zu finden sind mit teilweise extremer Luftverschmutzung. Monschegorsk ist einer dieser Albtraumorte. Bergwerke, Schächte, Abraumhalden wie große Tafelberge, Staub in der Luft, es stinkt, braungraue Rauchschwaden ziehen aus den Verhüttungswerken in den Himmel. Dann erreichen wir Murmansk. Kurz vor der Stadt einer der früher sehr viel häufigeren ДПС / Polizeiposten. Klaus, der als erster ankommt, wird heraus gewunken und begrüßt den Polizisten mit einem fröhlichen hamburgischen „Gudden Taag!“ Der Polizist verdreht die Augen und winkt ihn gleich weiter. Bei uns nachfolgenden macht er erst gar keine Anstalten uns anzuhalten. Murmansk, der wichtige russischen Hafen im Norden, sieht etwas trübe aus. Als wir auf dem Weg zum Hotel sind, übernimmt es ein Wolgafahrer – „ich fahre auch Motorrad“ – uns bis vor die Hoteltür zu bringen.

Am nächsten Morgen wartet nach dem Frühstück Marina auf uns, bringt uns zum wartenden Bus und unsere Stadtrundfahrt beginnt. Zunächst steht das Schifffahrtsmuseum auf dem Programm. Bei MSCO, die Murmansk Shipping Company, der mit dem Eisbären am Schornstein, hat man sich mit einem kleinen Museum viel Mühe gegeben. Natalja gibt sich große Mühe, uns die Geschichte der Seefahrt im Norden beizubringen und Marina übersetzt fleißig.Durch den Leninprospekt, in dem die einzig erhaltenen Gebäude aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zu sehen sind – Marina bezeichnet den Baustil als „Stalin-Empire“ – gesäumt von in voller Blüte stehenden Fliederbüschen, fahren wir an zerrieselnden Sichtbeton-Fertigteilhochhäusern vorbei zu „Aljoscha“, wie  die Murmansker das 36 m hohe Denkmal oberhalb der Stadt nennen. Es wird gerade renoviert. Unterhalb im Fjord liegt einer der großen Eisbrecher, die wir zuvor im Museum als Modell gesehen hatten. Auf dem Weg zurück in die Stadt halten wir noch an der Kirche, die zum Andenken an die Seeleute des gesunkenen U-Bootes Kursk errichtet worden war. Ein letzter Stopp ist am Heimatkundemuseum. Unseren ursprünglichen Plan, über Seweromorsk eine kleine Runde ostwärts zu fahren, müssen wir verwerfen, denn dieser Bereich ist militärisches Sperrgebiet. Seweromorsk ist neben Murmansk Stützpunkt der russischen Nordmeerflotte und ist bekannt geworden durch die Katastrophe des U-Bootes Kursk, bei der 118 Seeleute ums Leben kamen.Unsere Entscheidung war wohl weise, denn am nächsten Morgen sprechen wir im Hotel ein Paar aus der Nähe von Berlin, die auch mit dem Motorrad angereist waren und die den Schwierigkeiten dadurch aus dem Weg gehen wollten, indem sie mit einem öffentlichen Bus an die Küste fahren wollten. Aber am ersten Kontrollposten wurden die beiden heraus geholt und hatten ein wirkliches Problem, zumal sie ihre Pässe im Hotel gelassen hatten. Erst sieben Stunden später war dieses Abenteuer für beide beendet. Die Straße in Richtung Grenze ist wieder besser. Allerdings erfordern Straßenbauarbeiten wieder Enduroeinlagen.

Das Wetter klart deutlich auf, die Sonne kommt durch und zum ersten Mal seit langem windet sich die Straße wunderschön durch die karge, hüglige Weite des Nordens. Herrliche Ausblicke ergeben sich auf eingebettete Seen und schroffe Felsformationen.Immer wieder Denkmäler an die heftigen Kämpfe im zweiten Weltkrieg. Aber auch heute noch sind hier große militärische Sperrgebiete bis zur finnischen und norwegischen Grenze . Wir sehen zahlreichen Kasernen und militärische Einrichtungen, übende Panzertruppen. An einer Straßenkreuzung eine Straßensperre, eine erste Kontrolle vor der Einreise ins Grenzgebiet. Kurz danach, an einem großen Kreisverkehr völlig überraschend ein Hinweis in deutscher Sprache auf einem offiziellen russischen Verkehrsschild: „Gebirgsjägerdenkmal 2 km“. Nach einigem Suchen finden wir diesen Friedhof. Hier liegen sie nun, russische und deutsche Soldaten, im Tode vereint. Am Friedhof dreht ein Fernsehteam aus St. Petersburg für einen Bericht. Willkommene Gelegenheit für sie, uns zu diesem Thema zu interviewen. Kurz danach wechselt die zuvor eindrucksvolle Landschaft ihr Gesicht. Massive Umweltzerstörungen sind zu erkennen und zu riechen. Die Felslandschaft ist befreit von jeglicher Vegetation. Wir nähern uns der Erzstadt Nickel. Und dann zwingen uns die leeren Tanks über die zentimeterhoch mit Aschestaub bedeckten Straßen in dieses Drecksnest zu der nicht einfach zu findenden Tankstelle. Nach wenigen Kilometern sind linker Hand Wachtürme zu sehen, ein elektrisch gesicherter Zaum mit Stacheldraht und geharktem Sandstreifen, dann der zweite Kontrollposten, wir werden angemeldet. Über zwanzig Kilometer sind es dann noch – auf fast völlig leerer, hervorragender Straße bis zum eigentlichen Grenzübergang. Auch das ist überraschend, in weniger als einer Stunde sind wir durch, obwohl wir fast alle Taschen öffnen müssen. Dann noch ein letzter Grenzposten und wir sind durch! Kurze Passkontrolle auf norwegischer Seite und wir schwingen wir die letzten Kilometer bis zu unserm Hotel in Kirkenes. Nach gutem Frühstück sehen wir uns einige der wenigen Sehenswürdigkeiten von Kirkenes an und warten eine kurze Zeit, bis wir auf die „Richard With“ fahren können. Dieses Postschiff der Hurtiglinie ist für die nächsten zwei Tage unser Zuhause bis Tromsö und mit und auf ihr geht unsere Fahrt entlang des Nordkaps nach Süden.

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